Herausforderungen und Veränderungen
Unsere Gesellschaft befindet sich im tiefgreifenden Wandel: Globale Krisen, politische Polarisierung, soziale Spaltungen und der Verlust vertrauter Begegnungsorte prägen den Alltag vieler Menschen. Zugleich wächst das Gefühl von Sprachlosigkeit: Menschen ziehen sich aus öffentlichen Diskursen und Engagement zurück und sind unsicher, ob und wie ihre Stimme gehört wird. Vereinsamung, Armut und Ausgrenzung nehmen zu - oft dort, wo tragende soziale Netze brüchig geworden sind.
Auch die Kirche durchläuft große Veränderungen. Volkskirchliche Strukturen lösen sich auf, finanzielle und personelle Ressourcen schrumpfen, neue pastorale Wege entstehen. Diese Veränderungsprozesse fordern Ehrenamtliche und Hauptamtliche gleichermaßen heraus. In dieser Situation hat das caritative Ehrenamt eine besondere Bedeutung: Ehrenamtliche sind dort präsent, wo institutionelle Strukturen an ihre Grenzen stoßen - im unmittelbaren Kontakt mit Menschen in belasteten Lebenslagen, im Sozialraum, in Nachbarschaften, Einrichtungen und zunehmend auch in digitalen Kontexten. Sie hören zu, machen sprachfähig, eröffnen Teilhabe und stärken Zukunftsmut und Gemeinsinn. Damit leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag für den sozialen Zusammenhalt und für eine Kirche, die nah bei den Menschen bleibt.
Die CKD als Fachverband im Deutschen Caritasverband fördern und begleiten ehrenamtliches Engagement, das selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestaltet wird.
Theologische Bezüge
Schöpfung und unantastbare Würde des Menschen als Ausgangspunkt
Grundlage unseres Handelns ist der Glaube an den Menschen als Ebenbild Gottes (Gen 1, 27), der in seiner Würde unantastbar ist (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes 26).
Als Ebenbilder Gottes sind alle Menschen mit gleicher Würde ausgestattet - unabhängig von Leistungsfähigkeit, Bildung, Sprache oder sozialem Status. Diese Überzeugung prägt das Verständnis der CKD von Engagement ebenso wie ihr Verständnis von Kirche und Gesellschaft. Würde ist dem Menschen nicht verliehen aufgrund seiner Nützlichkeit oder Anpassungsfähigkeit, sondern sie ist ihm von Gott zugesprochen und entzieht sich jeder Bewertung.
Caritatives Ehrenamt der CKD stellt diese Würde in den Mittelpunkt - besonders dort, wo Menschen körperlich, seelisch, sprachlich oder institutionell ausgegrenzt oder übersehen werden. Caritatives Ehrenamt macht Solidarität konkret: in Sozialräumen, Einrichtungen, Nachbarschaften und zunehmend auch in digitalen Räumen. Nähe, Aufmerksamkeit und solidarisches Handeln sind Ausdruck einer Theologie, die den Menschen als unverfügbares Gegenüber Gottes ernst nimmt.
Die Anerkennung der unantastbaren Würde jedes Menschen bleibt nicht abstrakt. Sie verlangt nach konkreten Formen der Teilhabe von Ehrenamtlichen. Nur dann kann caritatives Ehrenamt sich ernsthaft einsetzen für Beteiligung, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit, insbesondere für jene, deren Stimmen im gesellschaftlichen und kirchlichen Räumen wenig Platz finden.
Denn aus diesem Verständnis von Würde und Gleichwertigkeit ergibt sich, dass Engagement nicht auf Mit-Arbeit oder Unterstützung reduziert werden kann. Wenn jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, dann ist jede:r auch Träger:in von Verantwortung, Berufung und Gestaltungskraft.
Die Taufe als Basis ehrenamtlichen Wirkens
Aus der Taufe erwächst die gemeinsame Berufung aller Christ:innen zur Nachfolge Jesu Christi und zum Dienst der Liebe. "Jeder Christ und jede Gemeinschaft ist berufen, Werkzeug Gottes für die Befreiung und Förderung der Armen zu sein" Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti, 187).1 Auf dieser Basis handeln Ehrenamtliche aus eigener Berufung heraus und gestalten Kirche, Caritas und Gesellschaft aktiv mit.
Das Ehrenamtsverständnis der CKD fragt nicht zuerst: Was kannst du übernehmen und leisten? Sondern: Wer bist du und wer willst du sein? - Und dann: Wie möchtest du dich einbringen?
Damit verschiebt sich der Fokus des Ehrenamtes grundlegend vom funktionalen "Lückenfüller" hin zum entschiedenen Hoffnungsträger einer Kirche und Gesellschaft, die sich vom Leben der Menschen herausfordern lassen.
Heiliger Geist und Vielfalt als Stärke
Die aus der Taufe erwachsende Sendung entfaltet sich nicht isoliert. Sie steht im Zusammenhang mit der Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist schenkt (1 Kor 12, 4-7). Papst Franziskus erinnert daran: "Der Heilige Geist lässt sich nicht auf ein einziges Modell des Handelns festlegen" (Fratelli tutti 67).
Die CKD verstehen diese Vielfalt als Ressource: Unterschiedliche Lebenswege, Erfahrungen und Kompetenzen der Ehrenamtlichen sind keine Störung - sie bereichern. Wo Ehrenamtliche irritieren oder unbequeme Fragen stellen, wird deutlich: Gesellschaft und Kirche leben vom Dialog.
Spannung und Unterschiedlichkeit gehören dazu. Sie zeigen, dass Menschen sich engagieren und mitgestalten wollen. Daraus entstehen Räume für Sinn, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit - zentrale Motive, warum Menschen sich heute engagieren.
In dieser Perspektive knüpfen die CKD an eine lange caritative Tradition an. Bereits Vinzenz von Paul verstand tätige Nächstenliebe als geistgewirktes Handeln, das sich an der Realität der Armen orientiert und das Engagement aller Christ:innen in gleicher Weise herausfordert. Auch die internationale Vernetzung caritativen CKD-Ehrenamtes in der Association Internationale des Charités (AIC) betont die Vielfalt der Charismen als Stärke.
Caritas als synodale Gemeinschaft
Die CKD orientiert sich am Bild des Leib Christi: "Durch den einen Geist wurden wir alle in einen einzigen Leib aufgenommen - Juden und Griechen, Sklaven und Freie." (1 Kor 12,13). Für Paulus ist jedes Glied gleich wichtig und gleich wertvoll: "Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht." Fratelli tutti führt diesen Gedanken weiter in eine sozialethische Perspektive: "Niemand kann allein leben, niemand kann allein reifen, niemand kann allein lieben" (Fratelli tutti 95).
Für die CKD bedeutet dies für das Miteinander in der Caritas: Ehrenamt und Hauptamt leben Solidarität und Synodalität. Sie gehen einen gemeinsamen Weg im Einsatz für die Würde aller Menschen - unabhängig von religiöser oder weltanschaulicher Zugehörigkeit. Sie handeln dabei als Partner:innen auf Augenhöhe und treten dafür ein, dass alle "Menschen guten Willens"2 sich einbringen.
Diese offene Ausrichtung ist jedoch kein Selbstläufer. Auch Organisationen mit offenem Anspruch entwickeln implizite Zugangshürden. Sprache, Zeitstrukturen, Kommunikationsformen und unausgesprochene Erwartungen können Menschen ausschließen - oft ungewollt. Diese Hürden zu erkennen und abzubauen ist Teil unseres Verständnisses von Gerechtigkeit.
Was bedeutet das für das Miteinander von Ehrenamt und Hauptamt?
Ehrenamt und Hauptamt sind unterschiedliche Ausdrucksformen desselben Geisteswirkens. Sie stehen nicht in Konkurrenz um Legitimität, sondern ergänzen sich. Sie haben einen gemeinsamen, aber nicht identischen Auftrag. Ihr Zusammenspiel ist Voraussetzung dafür, dass Caritas glaubwürdig, wirksam und nah bei den Menschen bleibt.
Unser Verständnis von Miteinander: Warum Kooperation allein nicht ausreicht
In ihrem Hirtenwort "Gemeinsam Kirche sein" von 2015 sprechen die deutschen Bischöfe von
"einem Prozess des Umdenkens in Bezug auf das sogenannte klassische ‚Ehrenamt‘, der in den Pfarreien auf große Resonanz stößt: Die Menschen möchten immer weniger für vorgegebene Aufgabenfelder angeworben und ehrenamtlich eingesetzt werden, sie wollen umgekehrt ihre persönlichen Gaben entdecken, einbringen und entfalten. Menschen im Ehrenamt möchten ihre persönlichen Gaben entdecken, einbringen und entfalten, statt für vorgegebene Aufgabenfelder angeworben und ehrenamtlich eingesetzt zu werden" (Deutsche Bischofskonferenz, Gemeinsam Kirche sein, 2015, 19).
Im Blick auf ein neues Miteinander in der Kirche betonen sie "[Alle sind] in der Kirche zu einem neuen Vertrauen auf die Charismen jedes Christen und jeder Christin eingeladen. […] Es ist dieses Vertrauen und Zutrauen, das Kooperation im gegenseitigen Respekt vor den unterschiedlichen Gaben und Aufgaben ermöglicht." (ebd., 28)
Doch "Kooperation" allein reicht aus unserer Sicht nicht. Wo Ehrenamt und Hauptamt in enger Beziehung stehen, gemeinsame Ziele verfolgen und Verantwortung teilen, entstehen nicht nur Ergänzung und Synergie, sondern auch Spannungen. Dies erzeugt ein dynamisches Kraftfeld von Wechselbeziehungen.
Coopetition: Spannungsreiche Zusammenarbeit, die Reibung als Chance begreift
Deshalb greifen die CKD den Begriff der "Coopetition" auf. Er beschreibt das gleichzeitige Zusammenspiel von Kooperation (gemeinsames Handeln mit Blick auf ein Ziel) und Competition (gemeinsames Ringen mit Blick auf ein Ziel). Wo Menschen im Auftrag der Nächstenliebe ein gemeinsames Ziel teilen, entsteht Nähe. Unterschiedliche Wege, diese Ziele zu erreichen, schaffen eine Mischung aus Verbundenheit und Konkurrenz. Diese Mischung kann herausfordernd sein, weil sie unterschiedliche Zugänge, Deutungen und Prioritäten sichtbar macht.3 Genau darin liegt das Potenzial. In biblischer Perspektive zeigt sich, dass der Geist Gottes oft durch Spannung, Widerspruch und prophetische Irritation wirkt (Apg 15).
Entscheidend ist, ob diese Spannung von Organisationen verdrängt - oder produktiv genutzt wird. Sie verlangt nach Klarheit in Rollen, Transparenz in Entscheidungen und Räumen, in denen offen über unterschiedliche Meinungen gesprochen wird.
Aus Sicht der CKD macht Coopetition die Ambivalenzen im Miteinander von Ehrenamt und Hauptamt sichtbar: Wo Verantwortung übertragen wird, ohne Entscheidungsräume zu eröffnen, entsteht Überforderung statt Selbstwirksamkeit. Wo Engagement moralisch hochgeschätzt, strukturell jedoch begrenzt wird, wächst Frustration. Wo Nähe besteht, ohne dass Unterschiede benannt werden dürfen, droht Anpassung statt Profil.4

Ehrenamtliche Selbstvertretung als Markenzeichen der CKD
Die Selbstvertretung des Ehrenamtes ist in den CKD seit ihrer Gründung im Jahr 1931 zentraler Bestandteil verbandlicher Identität. Sie ist für uns notwendige Voraussetzung für ein funktionierendes Zusammenspiel von Ehrenamt und Hauptamt. "Um dem Eigensinn und der notwendigen Unabhängigkeit Ehrenamtlicher Rechnung zu tragen, bedarf es eigener Strukturen für die Selbstorganisation und Selbstvertretung der Ehrenamtlichen" (Eva M. Welskop-Deffaa, Positionspapier des Deutschen Caritasverbandes: Durch ehrenamtliches Engagement den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken. In: neue caritas, Heft 13/2018, S. 37).
Was Selbstvertretung konkret bedeutet
Selbstvertretung des caritativen Ehrenamtes bedeutet insbesondere:
- Engagierte sprechen mit eigener Stimme und aus eigenem Recht.
- Sie sind als Expert:innen des Alltags anerkannt und einbezogen.
- Sie vertreten ihre Interessen nach dem Leitsatz "Nichts über uns ohne uns".
Ehrenamtliche bringen Erfahrungen aus dem Sozialraum, aus Einrichtungen, aus Besuchsdiensten, aus Begegnungen mit Menschen in belasteten Lebenslagen ein. Dieses Erfahrungswissen ist keine "nette Ergänzung", sondern eine unverzichtbare Perspektive für Entscheidungen in Kirche und Gesellschaft.
Die CKD macht Ehrenamtlichen Mut, ihre Zurückhaltung zu überwinden, sich auf ihre persönliche Art und Weise zu beteiligen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Selbstvertretung heißt auch, Kritik zu äußern. Oft scheint es so, als könne man über ehrenamtliches Engagement nur positiv sprechen. Belastungen, Überforderung oder strukturelle Ausschlüsse bleiben dadurch eher unsichtbar und können zum Abbruch des Engagements beitragen.5 Nur durch Selbstvertretung bleibt das System lernfähig und glaubwürdig.
Die CKD sichern diese Beteiligung strukturell ab:
- Jedes Mitglied kann eigene Anliegen einbringen und gemäß der Satzung in Gremien und Arbeitsgruppen mitentscheiden.
- Entscheidungen beruhen auf transparenten, basisdemokratischen Verfahren.
- Die Leitungsverantwortung liegt in den Händen eines ehrenamtlichen Vorstandes.
- Hauptamtliche Geschäftsführungen unterstützen diese Verantwortung im Sinne partnerschaftlicher Aufgabenteilung.
Fazit:
Die CKD stehen für ein caritatives Ehrenamt, das nicht nur unterstützt, sondern mitgestaltet. Das widerspricht, wo nötig, und trägt, wo möglich. In dieser Spannung liegt die Kraft - im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist in der Vielfalt wirkt.
Berlin, 26.01.2026
Für den CKD-Bundesvorstand
Ludwig Reichert
Bundesvorsitzender
| 1 | Das Konzil unterstreicht: "Die Laien haben Anteil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi" (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium 31). |
| 2 | Zweites Vatikanisches Konzil: Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes). 1965 |
| 3 | Der Philosoph René Girard sagt: Wo Menschen ein gemeinsames Begehren teilen, wächst nicht nur Verbundenheit, sondern auch Rivalität. Ähnlichkeit verstärkt Vergleich, Vergleich verstärkt Spannung. Diese Dynamik wird häufig als ein "Paradox der Nähe" beschrieben (vgl. Girard, René: Das Heilige und die Gewalt. Zürich 1987). |
| 4 | Die CKD haben ein Fächermodell entwickelt, das diese zentralen Spannungsfelder im Miteinander von Ehrenamt und Hauptamt sichtbar macht. Eine Erläuterung dieses Modells findet sich im Anhang. |
| 5 | Aktuelle Auswertungen des Deutschen Freiwilligensurveys zeigen, dass persönliche Belastungen, Zeitdruck und strukturelle Unsicherheiten zentrale Gründe für den Rückzug aus freiwilligem Engagement darstellen (vgl. BMFSFJ / Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): Deutscher Freiwilligensurvey 2024 - erste Ergebnisse und Trends (Vorabinformationen, Stand 2024, 17-18). |